MaZ: „Was bedeutet eigentlich Ankommen?“

Angekommen ist Pia in Timor-Leste schon vor sechs Monaten, aber für die junge Frau zeigt sich erst jetzt, was es wirklich bedeutet. In ihrem Erfahrungsbericht beschreibt Pia, wie es sich anfühlt, im Alltag angekommen zu sein.

Pia holt Feuerholz

„Angekommen” sind Benedikt und ich vor jetzt schon fast sechs Monaten am Flughafen in Dili: mit Koffern, einem Haufen Unwissen, aber viel Neugierde. Ankommen ist ein sehr vielseitiges Wort. Denn Ankommen heißt vielleicht auch, dass Dinge vertrauter werden. Arbeitsabläufe in der Schule laufen nicht mehr völlig überraschend ab. Ich weiß häufiger, was auf mich zukommt und bewege mich sicherer durch meinen Alltag. Ich kenne die Abläufe besser, weiß in manchen Situationen besser, wie ich handeln sollte. Dinge, die mir vorher schwergefallen sind oder mit denen ich zu kämpfen hatte, fallen mir inzwischen leichter. Und manchmal bin ich selbst ein bisschen überrascht, und vielleicht auch ein kleines bisschen stolz, wie selbstverständlich manches geworden ist.

In Atabae werde ich nicht mehr nur als „Malai“ angesprochen (bedeutet „Fremde” und wird hier ganz normal für Menschen aus anderen Ländern oder Städten benutzt), sondern mit meinem Namen. Und ich freue mich immer, wenn ich unterwegs Menschen treffe und mit ihnen ins Gespräch komme oder plötzlich von der Seite ein „Mana Pia, ba nebe’e?“ („Pia, wohin gehst Du?”) gerufen wird. Solche Begegnungen lassen mich spüren, dass ich so langsam ein Teil des Lebens in Atabae werde.

Im Dezember begann die Regenzeit. Zunächst nur mit einzelnen kleinen Gewittern und stärkeren Regenschauern. Im Januar wurde daraus dann eine sehr intensive Regenzeit mit schweren Stürmen und häufigen Stromausfällen. So haben wir schnell gelernt, die Abende im Kerzenschein zu genießen. Mit dem Regen wird die Landschaft aber auch grüner. Blumen beginnen zu blühen, Unkraut wächst unaufhaltsam und in fast allen Gärten sieht man inzwischen Kartoffeln, Kürbisse, Bananen oder andere Gemüse- und Obstsorten sprießen.

Weihnachten ist vorbei, Neujahr wurde gefeiert. Das neue Schuljahr ist wieder voll im Gange. Die Schule befindet sich weiterhin im Aufbau und die Schwestern versuchen das System stetig zu verbessern. Mit dem neuen Schuljahr haben sich deshalb auch einige Dinge verändert: Eine Klassenstufe ist dazugekommen, der Stundenplan wurde angepasst und es gelten neue Regeln für den Unterricht. Unser Alltag bleibt ein bisschen spontan. Neben dem Englischunterricht helfe ich auch in der Kantine mit oder springe im Kindergarten ein. Trotz dieser etwas spontanen Arbeit, baut sich nach und nach eine Routine auf.

Über die Weihnachtszeit waren wir in einer anderen Kommunität, in Maliana, etwa zwei Stunden von Atabae entfernt. Dort haben wir ein bisschen mit angepackt: beim Dekorieren geholfen, Gottesdienste vorbereitet, aber natürlich auch mitgefeiert, neue Menschen kennengelernt und getanzt. Insgesamt bestand unsere Zeit rund um Weihnachten und Neujahr aus vielen Messen, Musik, Tanz, Arbeit, Feuerwerk und natürlich Freude. Anders als gewohnt, war es hier nicht kalt. Stattdessen haben wir Weihnachten mit viel Schweiß verbracht. Und trotzdem habe ich gemerkt, dass Weihnachten hier auf seine eigene Weise sehr intensiv gelebt wird.

Ein wichtiger Teil davon ist der Glaube, der hier den Alltag vieler Menschen begleitet. Es hat mich in den ersten Tagen etwas überrascht und beeindruckt mich bis heute, dass schon die Kinder im Kindergarten fast alle auswendig beten können. Auch ist es selbstverständlich, dass, egal ob öffentlich, kirchlich oder privat, ob im kleinen Kreis oder bei großen Festen, vor dem Essen alle gemeinsam beten. Am Anfang war es für mich ungewohnt und etwas überraschend so viel zu beten. Vielleicht, weil es hier so selbstverständlich dazugehört und ich es nicht gewohnt war, das gemeinschaftliches Beten ein fester Bestandteil des öffentlichen Lebens ist. Und doch merke ich, dass ich diese Momente sehr schätze. Wenn um 12 Uhr die Glocken läuten, alles ruhig wird, alle stehenbleiben oder von ihrer Arbeit ablassen, dann steht die Welt in Timor-Leste für kurze Zeit still und es wird gemeinsam das Angelus gebetet.

Dabei erlebe ich den Glauben hier oft gemeinschaftlicher und sichtbarer, als ich es aus Deutschland kenne. Manchmal habe ich das Gefühl, dass sich Glaube hier besonders im Miteinander zeigt, im gemeinsamen Beten, Singen oder einfach in der Gemeinschaft.

Ankommen kann viel mehr sein als nur das physische Ankommen an einem Ort. Es ist ein Prozess, der Zeit braucht. Ein stetiger Lernprozess, für beide Seiten. Wenn ich sagen würde, dass mir von Anfang an alles leichtgefallen ist, wäre das gelogen. Und auch jetzt habe ich immer noch meine Herausforderungen. Ich hatte zwar schon Erfahrung in der Arbeit mit Kindern, aber Unterrichten ist nochmal etwas anderes. Dazu kommen ein anderes Schulsystem, eine andere Lernkultur und eine andere Sprache. Gerade am Anfang wusste ich oft nicht: Wie viel Englisch können die Schüler*innen schon? Welche meiner gelernten Tetum-Wörter werden wirklich benutzt? Welche Methoden funktionieren gut und welche eher weniger?

Ähnlich ging es mir nach der Schule. Atabae ist sehr ländlich und die Menschen, so auch die Schwestern, sind größtenteils selbstständig und auf sich gestellt. So machen wir uns nachmittags oft wieder gemeinsam an die Arbeit: Pflanzen, Trauben schneiden, Kochen, Unkraut zupfen, Feuerholz holen, Reis ernten. Alles, was gerade ansteht. Gleichzeitig ist es gar nicht so einfach, seinen Platz in einer 16-Personen-Kommunität zu finden, vor allem, wenn diese Gruppe schon eine eingespielte Gemeinschaft ist und man die Kultur noch nicht ganz versteht. Doch mit der Zeit finde ich langsam meinen Rhythmus. Ich lerne auf dem Feuer zu kochen, entdecke lokale Gemüsesorten, verstehe Arbeitsabläufe besser und werde Schritt für Schritt mehr Teil des Ganzen.

Und mal ehrlich, ohne Herausforderungen wäre es auch nur halb so gut! Denn trotz allem macht mir das Unterrichten sehr viel Spaß, nicht zuletzt, weil die Schüler*innen motiviert sind. Ebenso genieße ich die Zeit draußen mit den Schwestern oder Postulantinnen, das gemeinsame Arbeiten und die Begegnung mit den Menschen, durch die ich das Leben hier kennenlernen darf.

Das Leben hier ist sehr anders. Einfach, aber gleichzeitig sehr bereichernd. Vielleicht ist es gerade dieses Einfache, das es so wertvoll macht. Ich mache Dinge, die ich in Deutschland vermutlich nie gemacht hätte. Dinge, die hier Normalität sind, wären dort eher außergewöhnlich.

Gleichzeitig lerne ich Vieles wertzuschätzen. Ein funktionierendes Gesundheitssystem, Bildungschancen oder eine Schulpflicht. Ich bin dankbar für meine Kindheit und dafür, dass meine Eltern noch leben. Gleichzeitig bringt mich das Leben hier oft zum Nachdenken, über mich selbst, unsere Gesellschaft und unser Zusammenleben. Wenn ich zurückblicke, scheint die Zeit unglaublich schnell vergangen zu sein. War ich zu Beginn einfach nur „Malai” werde ich jetzt meist „Mana Pia“ genannt. Und so fühle mich, als wäre ich schon ein Stück in Richtung Ankommen gerückt.

Pia

Gemeinschaftliches Dekorieren
Die Arbeit hat sich gelohnt
Pia und Benedikt beim Fest