MaZ: Rettung über Dächer

Die drei MaZ-Freiwilligen Charlotte, Caro und Johannes waren Anfang November von dem schweren Taifun „Tino“ betroffen, der Teile der Insel Cebu auf den Philippinen verwüstet hat. Die Siedlung nahe am Meer, in der die drei wohnen, wurde zum ersten Mal durch einen Taifun getroffen. Die Siedlung gehört zur NGO der Steyler Missionare. Johannes berichtet hier von den bangen Stunden.

Johannes hilft in den Tagen nach dem Taifun dabei, die Häuser der Menschen zu reinigen und schauen, was noch brauchbar ist

Am 3.11 fing es schon an. Charlotte, Caro und ich wurden früher von der Arbeit nach Hause geschickt. Der Regen hatte bereits begonnen. Er war nicht stark, und zu Hause angekommen hatte der Regen fast aufgehört, aber in der Nacht wurde er stärker. Da Taifune hier nicht ungewöhnlich sind und ich tief schlafe, habe ich nicht bemerkt, wie das Unheil seinen Lauf nahm.

Am nächsten Morgen, gegen 7 Uhr, wurde ich von rufenden Menschen geweckt. Es regnete immer noch. Aus Neugier schaute ich hinter mein Handtuch, das ich zum Abdunkeln nutze, doch alles sah normal aus. Trotzdem ließ mich das Gefühl nicht los, dass etwas nicht stimmte. Dann hörte ich ein leises Rauschen, wie von einem Bach. Ich ahnte Schlimmes. Im Nebenzimmer, im zweiten Stock hatte ich einen unfassbaren Anblick: Die Straße war verschwunden, alles stand unter Wasser.

Die Fenster des Hauses bestehen hier aus mehreren kleinen Glasscheiben. Ich nahm ein paar heraus und sah, dass wirklich alles überflutet war. Gegenüber stand eine Familie am Fenster, sonst war niemand zu sehen und es war unheimlich still. Auf dem Weg zur Treppe sah ich, dass das Erdgeschoss komplett unter Wasser stand - der Raum, den ich am Tag zuvor noch geputzt hatte. Der Kühlschrank lag auf der Seite, der Tisch war verschwunden, alles schwamm in braunem Wasser.

Ich rief nach Caro und Charlotte, meinen Nachbarinnen, doch niemand antwortete. Meine Angst wuchs. Dann sah ich einen Mann im Haus der Mädchen. Er rief mir auf Englisch zu, ich müsse raus. Ich nahm alle Glasscheiben aus meinem Fenster, legte sie aufs Bett und riss das Mückennetz ab. Hektisch überlegte ich, was ich mitnehmen sollte. Niemand bereitet einen auf so etwas vor. Schließlich steckte ich ein kleines Holzkreuz, etwas Geld, mein Handy und einen kaputten Rosenkranz in die Taschen. Dann kletterte ich aus dem Fenster aufs Dach.

Der Regen war stark, der Wind heftig und das Blechdach rutschig. Von dort oben sah ich das ganze Dorf: Alles stand unter Wasser. In der Ferne saßen weitere Menschen auf Dächern, und in einem Betongebäude sammelten sich weitere. Ich fror und dachte an die Kinder, mit denen ich arbeite, und an die alten Menschen im Dorf. Nach einer Weile bedeutete mir der Mann, der mich gerettet hatte, dass wir losmüssten. Ich ließ meine Flipflops zurück und folgte ihm über die Dächer, jeden Schritt ganz vorsichtig.

An einer Spalte zwischen zwei Häusern kletterten gerade zwei Mädchen hinauf, die jüngere vielleicht acht Jahre alt. Ich passte auf sie auf, hielt ihre Hand und versicherte ihr, dass alles gut wird. Als sie und ihre Schwester hinuntergelassen wurden, folgte ich ihnen. Unten wartete ihre Familie. Der Vater war blind, aber erstaunlich ruhig, was mich auch beruhigt hat. Wir stiegen gemeinsam in ein Haus und wieder hinaus zur Straßenseite, Richtung Betongebäude. Da ich schwimmen konnte, sollte ich als Erster ins Wasser. Es reichte mir bis zu den Schultern, ich hatte Glück, die anderen mussten schwimmen, obwohl viele es nicht konnten.

Mit einem Plastikseil als Halt gelangte ich ans andere Ufer. Der Boden war schlammig, aber die Strömung zum Glück schwach. Im Gebäude suchte ich sofort nach Caro und Charlotte und fand sie. Sie hatten je einen Rucksack mit ihren Sachen. Wir waren endlich in Sicherheit. Der Raum war groß und viele Menschen waren dort.

Mein Handy funktionierte Gott sei Dank noch, obwohl es im Wasser war. Ich konnte meinen Liebsten schreibe, dass ich in Sicherheit bin. Draußen half ich noch kurz einem Verletzten, aber viel konnte ich leider nicht tun. Ich bekam ein trockenes T-Shirt, von seiner Frau etwas zu trinken und ein gekochtes Ei, ich war froh darüber. Als das Wasser sank, gingen manche los, um nach ihren Häusern zu sehen oder Nahrungsmittel zu holen.

Schließlich kam die Nachricht von unseren Verantwortlichen, dass wir abgeholt werden. Erst wollte ich bleiben, es fühlte sich falsch an, Hilfe zu bekommen, während andere sie brauchten. Doch als sich die Lage beruhigte, entschieden wir uns zu gehen. Caro und ich wateten durchs schmutzige Wasser zu ihrem Haus. Dort kletterte ich durch das Fenster zu meinem Fenster. In meinem eigenen Haus war alles verwüstet vom Morgen. Ich sammelte, was zu retten war: Dosen, Medikamente, saubere Kleidung und packte zwei Rucksäcke.

Draußen lachten wieder Menschen, ein kleiner Moment, der mir Kraft gegeben hat. Ich gab einer Frau eine Tüte mit Essen und Verbandszeug, die ich vorbereitet hatte und dann machten wir uns auf den Weg zu dem Auto, das uns abholte.

Während der Fahrt sah ich das Ausmaß der Zerstörung. Das Meerwasser war braun, überall lagen Äste und Müll. Einige kleine Läden und Häuser waren verwüstet. Doch je weiter wir uns vom Meer entfernten, desto besser wurde die Lage. Ich war erleichtert, dass Cebu City eher davongekommen war und dass es uns am härtesten getroffen hat.

Wir kamen schließlich bei den Steyler Schwestern unter, dort war es sicher, nur der Strom fehlte. Nach einer Dusche saß ich bei Kerzenlicht am Tisch und erzählte meine Geschichte. Jetzt bin ich in Sicherheit. Wie es weitergeht, ist noch unklar, aber ich hoffe, dass die Menschen im Dorf Hilfe bekommen und dass wir vielleicht ein Teil davon sein können.

MaZ Johannes

Info: Die drei MaZ-Freiwilligen bleiben nun zunächst bei unseren Mitschwestern im Provinzhaus in Cebu City. Wenige Tage nach dem Taifun konnten sie mithelfen, die Häuser von Schlamm zu befreien. Die Steyler Missionare haben eine Spendenaktion ins Leben gerufen, um den Menschen vor Ort zu helfen. Hier gibt es weitere Infos und die Möglichkeit, direkt online zu spenden: https://www.steyler-nothilfe.eu/nothilfe/

 

Die Wassermassen haben die Menschen im Schlaf überrascht
Aufräumarbeiten nach dem Taifun
Der Kühlschrank im Haus von Johannes schwimmt im Dreck
Schlamm bedeckt die Straßen der Siedlung